Wie der Dschungel meine Kunst beeinflusst hat


„Wer eine Zeit lang im Dschungel lebt, kehrt nicht zurück, wie er war.“

Mehr als fünf Jahre habe ich in Peru gelebt, vier Monate davon im Regenwald. Ich glaube, dass die Zeit im Dschungel mich am meisten beeinflusst hat. Mich als Person, aber auch meine Kunst.

In diesem Text versuche ich mit Worten zu beschreiben, was ich gefühlt und was ich für mich mitgenommen habe. Alles, was Worte nicht ausdrücken können, verarbeite ich in meiner Kunst.

Als ich das erste Mal in den Dschungel reiste, fühlte ich mich irgendwie „ausgeliefert“. Ausgeliefert dem echten und ursprünglichen Leben gegenüber. Ich hatte sofort verstanden, dass ich an diesem Ort mit meinem materiellen Besitz, mit meinem Schulwissen, mit meinen Gedankenmustern und Weltansichten nicht weit kommen würde. Im Dschungel zu leben, fordert einiges an Mut und Offenheit. Dazu gehört die Bereitschaft, sich mit der Natur zu verbinden. Und wer sich mit der Natur verbindet, verbindet sich automatisch mit sich selbst. Das kann zunächst beängstigend sein. Später wirkt die Verbindung zur Natur befreiend, transformierend.

„Der Versuch sich dem Dschungel anzupassen, wird immer scheitern. Vielmehr müssen wir zu unserer ursprünglichen Natur zurückfinden, um im Einklang mit dem Dschungel leben zu können.“

Ich verbrachte insgesamt vier Monate in dem Kunstzentrum „Sachaqa“, gelegen in einem kleinen Dschungeldorf namens San Roque de Cumbaza bei Tarapoto. Nie zuvor hatte ich so rustikal, so sporadisch gelebt, nie zuvor hatte ich so banale Alltagssorgen wie beispielsweise eine Spinne im Klo, eine Kakalake im Bett oder feuchte Kleidung, die partout nicht trocknen wollte. Doch eben in dieser Einfachheit lag der Schlüssel zu einer Welt, die es schon immer in mir gab, aber zu der ich keinen Zugang hatte.

Es ist, als wäre ich einen Aktenstapel voller Papiere durchgegangen. Über die Jahre hat sich der Stapel getürmt und ich hatte immer mehr Angst, die einzelnen Briefe und Blätter durchzugehen. Doch im Dschungel, wo ich den Stapel Papier nicht mehr brauchte, sah ich plötzlich, was sich darunter verbarg. Und zwar die Muße.

Mein Glaubenssatz war bis dahin: Ich müsste hart arbeiten, um es mir überhaupt erlauben zu können, in meiner knappen Freizeit, ein bisschen kreativ zu sein. Ab und zu ein Bild malen, einmal im Monat vielleicht. Erst im Dschungel hatte ich die Realität verstanden, in der ich bisher lebte. In einer Gesellschaft voller Leistungsdruck, wo Geld und materieller Besitz wichtiger sind als Zeit. Indem ich eine neue Welt kennenlernte, betrachtete ich mein altes Leben aus einer anderen Perspektive.

Wie viel braucht es wirklich zum Leben? Nicht viel. Das habe ich im Dschungel gelernt. Desto weniger ich besitze, desto mehr Zeit habe ich, die Dinge zu tun, die ich wirklich liebe. Und desto weniger Sorgen ich mir mache, um all meinen Besitz, desto freier werde ich im Kopf. Der Geist kann endlich wieder spielen, sich ausprobieren, neugierig sein, Dinge ausprobieren. Das verrückte daran ist, dass sich plötzlich Möglichkeiten bieten, mit dem Geld zu verdienen, was man liebt.

Im Dschungel fand ich zur Kunst zurück. Als Kind liebte ich das Malen. Ich wollte sogar Kunst studieren, tat es aber nicht, da ich Angst hatte, nicht gut genug zu sein. Ich hatte Angst, dass die Kunst nicht mein Leben finanzieren kann. Dass aus dem Hobby ein Alptraum wird. So ging ich einen anderen Weg – der, aus meiner heutigen Sicht, dennoch der Beste war.

Ich studierte Tourismus und BWL, lebte in meinen Zwanzigern eben diese leistungsorientierte Realität, bis ich 2011 nach Peru kam. Mein Leben in Peru sollte zu einer Autobahnfahrt auf der rechten Spur werden, immer entspannt und niemals zu schnell, um die Ausfahrt zu verpassen. Die Menschen in Peru leben den Moment und das färbt ab wie Rote Beete an den Fingern.

Meine Zeit im Dschungel war das i-Tüpfelchen und ein Ort der Transformation. Was wir im Westen so gern ausblenden, das ist der Tot. Aber indem wir uns nicht dem Tot bewusst sind, so sind wir uns auch nicht dem Leben bewusst. Wir denken, wir sind unsterblich, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass wir irgendwann diesen Planeten verlassen.

Aber im Dschungel ist sowohl das Leben wie auch der Tot real. Alles lebt, und alles stirbt. Frühling und Herbst in einem Wald. Das Leben entfaltet sich in seiner reinsten Schönheit. Guacamayos fliegen durch die Baumkronen, Orchideen in allen Formen und Farben versprühen ihren Duft. Ich entdecke klitzekleine Frösche in Neonfarben, bestaune Ameisen, die auf ihrem Rücken Blätter transportieren, die viel schwerer sind als sie selbst. Wohin mein Auge blickt, ich sehe Wunder. Und gleichzeitig sehe ich Vergänglichkeit.

Ich habe nur ein Leben, jedenfalls in diesem Körper. Wenn der Regenwald so aufblüht, im Bewusstsein, dass alles ein Ende hat, so kann ich das doch auch?

Ich nutzte also meine Zeit, um Kunst zu machen. Seit Jahren hatte ich nicht mehr gemalt, jetzt wagte ich mich an eine Leinwand. Ich nahm mir sogar die Zeit, die Leinwand selbst zu bespannen. In Deutschland hätte ich sie einfach fertig gekauft.

Ideen hatte ich viele. Ich war umgeben von exotischen Pflanzen, mich beeindruckten die Menschen, ihre Gesichter, Ausdrücke und Geschichten. Ich war berührt von der Wandlungsfähigkeit vieler Tiere: Die Schlange, die ihre Haut abwirft oder die Raupe, die zum Schmetterling wird. Mich inspirierten meine Träume, die nie zuvor so intensiv und real waren. Und mich inspirierten meine Erfahrungen mit Ayahuasca und der Heilpflanze Tabacco.

Meine Ideen in Kunst zu verwandeln war jedoch schwierig, schließlich fehlte mir die Praxis. Ich war ungeduldig und schnell frustriert. Doch was mir half, war die Gegenwart anderer Künstler. Ich war zwar mitten im peruanischen Dschungel aber dennoch umgeben von Künstlern aus aller Welt. Ich stellte fest, dass wir alle die selben Sorgen und Ängste teilten. Für mich war der Austausch so kostbar und befreiend. Ich beobachtete, wie andere Künstler arbeiteten, wie sie an den künstlerischen Prozess herantraten. Ich sah ihre Neugierde und ihre Hingabe.

In meiner Welt musste immer alles schnell gehen, schließlich wollte ich keine Zeit verlieren. Ich musste mir selbst die Erlaubnis geben, mich auszuprobieren, Fehler zu machen. Damit klarzukommen, wenn ich am Ende des Tages etwas gemalt, aber nichts weiter damit anfangen würde. Ich vertraute schließlich in den Prozess und bemerkte, dass die eigentliche Arbeit, das Malen, kein Mittel zum Zweck war, sondern das eigentliche Vergnügen.

Ich löste mich von allen Erwartungen und öffnete einen Raum, indem die Ideen wie Blasen an die Wasseroberfläche gelangten. Ich begann zu begreifen, dass ein Kunstwerk ein kleines Leben für sich darstellt. Es besteht aus vielen Schichten Farbe, die erste Schicht wird nie perfekt sein, kann sie gar nicht. Doch wir müssen überhaupt erst einmal beginnen, um aus unseren Erfahrungen zu lernen.  

 

Und das spirituellste, was ich lernte: Meinen Bilder nicht anzuhaften. Natürlich steckt sehr viel Liebe und Gefühl in meinen Bildern. Man baut eine Beziehungen zu ihnen auf, wie zu einem Kind. Doch irgendwann heißt es Abschied nehmen, Platz machen für etwas Neues. Im Kunstzentrum Sachaqa lernte ich Skulptur-Künstler kennen, die mit Materialien aus der Natur Kunstwerke schaffen. Es sind Momentaufnahmen, doch mit dem nächsten starken Regenfall werden ihre Werke verschwinden. Was bleibt, ist die Erfahrung und die Liebe, die weiterhin als positive Energie in diesem Universum schwingt, sich weiterhin ausdrücken darf.

Das Leben ist ein Fluss, ständig in Bewegung und niemals gleichbleibend. An einem Nachmittag traf ich Trina, die Besitzerin vom Kunstzentrum beim Kunststudio. Sie begutachtete die Holztreppe, die von Termiten befallen und dabei war, sich langsam von Innen heraus aufzulösen. Ich fragte sie, ob sie es nicht anstrengend findet, ständig alles erneuern zu müssen?

Heute ein neues Blätterdach, morgen eine neue Lehmwand, übermorgen vielleicht ein neues Fundament? Das Leben im Dschungel ist hart. Die Feuchtigkeit, die heftigen Regenfälle, Termiten und anderes Ungeziefer. Trina ist hart im Nehmen, sie hat sich längst an die Umstände gewöhnt. „So ist das eben, wenn man mit der Natur lebt.“

Trina ist bereits so verbunden mit dem Dschungel und der Natur, dass sie ausschließlich mit Naturpigmenten malt. Nur was Steine und Pflanzen an Farbtönen hergeben, landet auf ihrer Leinwand. „Wenn du einmal damit begonnen hast, willst du nichts anderes mehr.“, meinte Trina zu mir. „Außerdem kannst du dein Bild unmöglich durch eine falsche Farbkombination ruinieren. Alle Farben, die du in der Natur findest, harmonieren. Die Natur ist perfekt.“

Der Grund, warum ich das erste Mal nach Sachaqa kam: ich wollte eigentlich ein Buch schreiben. In mir schlummerte eine Geschichte, die ich endlich niederschreiben wollte. Aber wie ich im Dschungel lebte, kamen keine Wörter, sondern Bilder und die Lust am Malen.

Die Peruaner sagen gern „Que fluya no más“, lass es fließen. Wer gegen die Strömung schwimmt, kommt nicht weit. Ich habe mich treiben lassen und auch wenn ich heute wieder in Deutschland lebe, habe ich diese wertvollen Erfahrungen mitgenommen. Den schweren Rucksack voller Erwartungen und Sorgen haben stattdessen abgelegt. 

Ich lebe kein rustikales Leben wie im Dschungel, aber ich lebe auch kein Leben im Überfluss. Wie auch in Peru versuche ich stets das Wunder zu sehen, das Positive. Ich möchte wie eine Orchidee sein, ich möchte bunt sein und duften, ich möchte andere Menschen mit meiner Kunst eine Freude machen. Ich bin mir bewusst, dass meine Blätter irgendwann verwelken werden und genau aus diesem Grund, möchte ich heute mein Bestes geben, möchte strahlen.


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